konny am Juli 24, 2026

Dachbodenkiste - Teil 1

Ich bin so ca 13 Jahre alt. Meine Eltern haben großes mit mir vor. Sie haben mich in der siebten Klasse auf ein Elite-Gymnasium mit hohem Anspruch in Westberlin verfrachtet. Ich muss morgens also immer zum Ostkreuz laufen, dann da in die S-bahn, bis zum Innsbrucker Platz und dann da zur Schule.
Ich kenne dieses Durch-die-Gegend-gurken schon, weil ich seit der 2. Klasse nachmittags zu Chorproben des Staats- und Domchores fahren muss. Die finden am Ernst-Reuter-Platz statt. Drei mal die Woche. Und sonntags dann in den berliner Dom zum Auftritt bei der Messe. Zusätzlich montags Christenlehre und donnerstags Fußball. Es ist ein heftiges Programm. Ihr könnt euch das durchaus so vorstellen, dass ich da bei den sonntäglichen Auftritten schon auch wirklich mit Lackschuh und Anzug antrete.
Geschniegelt und christlich - das ist die eine Seite meines Lebens. Die andere Seite ist die Sozialisation im Friedrichshain Mitte der 90er bis Anfang der Nuller Jahre. Schön grau, ausgebombte Brachen, keine Klingeschilder an den Türen - also ein riesiger Stadtteil mit frei zugänglichen Kellern, Dachböden und Dächern. Und mit frei zugänglichen Fabrikruinen … zerkloppte Autos auf Hinterhöfen, zugewuchterte Freiflächen, Fußball spielen und rauchen ausprobieren.
Ein riesiger Abenteuer Spielplatz auf dem wir schon als Kinder völlig unbeobachtet unsere Zerstörungslust entwickeln konnten.
Ich bin auf dem Weg zum Ostkreuz, es ist so 10 nach sieben Uhr morgens und ich drehe mir eine Zigarette, bzw ich versuche das, denn ich habe das gerade erst ein paar Tage vorher gelernt. Ein älterer Punker kommt auf mich zu, schwankt ein bisschen und fragt, ob er sich eine drehen kann. Klar, denn das er mich das fragt, macht mich super cool und erwachsen. Erst während er so vor sich hindreht (auch das ist eher ein Versuch, denn er ist noch ziemlich betrunken) beginnt er, mich zu mustern.


Er fragt: "Und? Was machst du heut noch so?"


Die Frage finde ich lustig, denn für mich ist es ein abwegiger Gedanke, dass hier jetzt was anderes anstehen könnte, als das ich mich planmäßig in die Bahn setze und zur Schule fahre. Das sage ich ihm so. Es dauert einen Moment, bis er versteht, was ich sage und dann lächelt er milde und sagt:


"Ähm, ok, kannste ja machen…also ich geh heut noch das Bezirksamt besetzen."

Und zuckt mit den Schultern, so als wollte er sagen: Dein Problem, wenn du zur Schule gehst, ich hab dir das Angebot gemacht. Also ich verstehe die Geste zumindest so, und meine Entscheidung ist klar.
Ich will selbstverständlich sehen, wie René (so heißt der Typ) das Bezirksamt besetzt.
Wir gehen die Straße entlang und müssen auf dem Weg noch einen abholen und bei Renés Wohnung vorbei. Der, den er abholen will, liegt in der Gryphiusstraße in einem Hauseingang und will auf die rabiaten Weckversuche seines Kumpels nicht so recht reagieren. Also tritt der ihm aber wirklich mit Schmackes mit den Springern in die Seite. Fluchend steht er auf, und wir sind zu dritt.
Ich höre eine Geschichte, nachdem das heute Nacht wegen Alkohol mit dem Vögeln nicht so recht geklappt hat. Er ist wohl rausgeflogen und dann ein paar Häuser weiter eingepennt.
Wir landen bei René. Das Haus ist entmietet und er der einzige verbliebene Mieter ganz oben im fünften Stock in einer Eckwohnung. An der Küche gehen wir vorbei und René kommentiert: Da gehen wir nicht mehr rein. Da muss ich mal sauber machen. Und beim Anblick vom Rest der Wohnung (die wir ja durchaus betreten) kommt meine Phantasie nicht hinterher, was im Vergleich dazu hinter der Milchglastür der Küche los sein muss. Der Boden des Wohnzimmers ist komplett bedeckt mit Decken und Matratzen, die Fenster sind mit Tarn-Netzen abgehängt. Nur ein kleiner Bereich ist ausgespart. Hier befindet sich der Rechner und vier bis fünf Stühle. Der dritte Typ ist irgendwie, ohne das ich es bemerkt habe, unter einer der ganzen Decken verschwunden (vermute ich zumindest).
René bietet mir einen Kaffee an. Ich verneine. Einerseits weil ich die Tasse eklig finde und andererseits, weil Kaffee doch was für Erwachsene ist.


Und dann sagt René: So meen Kleener…was hörst du eigentlich für Musik?


Und dann zeigt er mir Musik.
Die ist so dermaßen voller Energie und rauh und heftig. Die fühlt sich irgendwie unwiderstehlich verboten an. Ich sitze da und er zeigt mir einen Song nach dem andern und dreht immer lauter.
Ich schau mich um, weil ich denke, die Nachbarn müssen sich doch beschweren, aber das Haus ist ja komplett leer. Ich kann durch die Tarnnetze erahnen, dass sich draußen der Tag entwickelt und die Sonne über Haus steigt. Hier drin zieht sich allerdings vermutlich die Nacht. Diese Gleichzeitigkeit macht mich nervös und glücklich zugleich. Ich bin infiziert mit Punk.
Zwischendrin zeigt René immer auch eine seltsame Begeisterung für einen Musiker der auf sonem Schifferklavier Melodien spielt und dabei singt, als wäre er ein peinlicher Seemann. Kommt mir komisch vor und soll später wichtig werden. Irgendwann werde ich hibbelig und will los.
René brennt mir zwei CDs einmal Schlachtrufe BRD und auf der anderen steht Quetschenpaua.
Die komische Seemanns Musik schmeiß ich zu Hause erstmal in die Ecke, aber die Schlachtrufe kommt zu Hause direkt in den CD Player. Meine Mutter liegt direkt nebenan in der Badewanne.
In meinem Zimmer dröhnt die Textzeile "Ich bin nicht stolz ein Deutscher zu sein, denn von den Stolzen gibt es genug…" und gelangt als "Ich bin stolz ein Deutscher zu sein…" an die Ohren meiner Mutter, die keine zwei Sekunden später tropfend in der Tür steht.


"Was haben die da gesagt?!"


Ich: "Das hast du falsch verstannden…guck mal" und starte den Song neu.


Meine Mutter sagt: "Ok, na dann…" und zieht sich misstrauisch guckend zurück.
Im folgenden Sommer besetzen wir das Haus von René, eröffnen dort eine kleine Kneipe (eigtl nur für uns und ein paar Hippies), ich fange an durch die Kneipen und Cafes zu ziehen und Musik zu spielen, ich bin bei jeder Sponti im Kiez dabei und die Schule sieht mich nur noch selten. Die ein oder andere Bezirksamtsbesetzung sollte ich auch noch erleben dürfen...Irgendwann hör ich mir auch mal die zweite gebrannte CD an, fange Feuer und nu sind wa hier…